Freitag, 31. Oktober 2008

Mrs. Jarleys unvergleichliche Wachsfigurenschau

Abbildung aus der Erstausgabe von Charles Dickens The Old Curiosity Shop (1841)


Das Werk von Charles Dickens gibt zahlreiche Einblicke in die Lebensumstände des einfachen Volks in England um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Vergnügungen dieser Schichten bleiben dabei nicht unbeachtet – und ein wichtiger Teil der volkstümlichen Unterhaltungskultur waren die reisenden Schausteller.

Eine der skurrilen Figuren ist „Doktor Marigold“ in Dickens’ gleichnamiger Erzählung. Marigold ist ein fahrender Händler, der vom Trittbrett seines Wagens in höchst origineller Weise sein Publikum unterhält. Er macht u.a. Bekanntschaft mit dem auf Jahrmärkten zur Schau gestellten gutmütigen, aber schwerfälligen Riesen „Pickleson“.

Besonders aufschlussreich ist die Dickens Schilderung des Greenwicher Markts mit seinen zahlreichen Schaustellungen, wobei er in seiner liebenswert-ironischen Art auf ein ambulantes Vergnügungslokal, eine Menagerie und ein Jahrmarktstheater genauer eingeht.

Auch die kleine Nelly im Roman „Der Raritätenladen“ kommt mit der Welt der reisenden Unterhaltungskünstler in Berührung. Hierbei findet sie zwischenzeitlich Anstellung in Mrs. Jarleys Wachsfigurenschau.

Mrs. Jarley, „eine christliche Dame, rundlich und gemütlich anzusehen, die einen großen Hut mit wippenden Schleifen trug“, gehört zur „Schaustelleraristokratie“. Sie muss nicht in Scheunen oder bestenfalls drittklassigen Gasthöfen übernachten, Mrs. Jarley logiert in einem luxuriösen Reisewagen. Außerdem rühmt sie sich, ihre Wachsfiguren nicht in einer Schaubude, sondern in gemieteten Räumlichkeiten auszustellen.

Die genauen, augenzwinkernden Beschreibungen des Etablissements einschließlich vieler genretypischer Werbemethoden lassen darauf schließen, dass Charles Dickens solche Schaustellungen sehr gut gekannt hat. Das Vorbild für Mrs. Jarley soll dabei Madame Tussaud gewesen sein.


„(…) „Da, mein Kind“, sagte sie, lies das!“

Nelly ging daran entlang und las laut, war mit riesigen schwarzen Buchstaben darauf stand: „JARLEYS WACHSFIGUREN.“

„Lies es noch einmal“, sagte die Dame freundlich,

„Jarleys Wachsfiguren“, wiederholte Nelly.

„Das bin ich“, sagte die Dame. „Ich bin Mrs. Jarley.“

Sie sah das Kind ermutigend an, um es zu versichern und wissen zu lassen, dass es, obwohl es da in Gegenwart der wirklichen Mrs. Jarley stand, nicht gänzlich überwältigt und benommen zu sein brauchte. Dann entfaltete sie eine zweite Rolle mit der Inschrift: „Einhundert Figuren in voller Lebensgröße“, und endlich mehrere kleinere Rollen mit „Ausstellung hier!“, „Echte und einzige JARLEY“, „Jarleys unvergleichliche Sammlung“, Jarley ist das Entzücken des Adels und der vornehmen Welt“ und „Die königliche Familie ist Jarleys Gönnerin“. Als sie diese Ungeheuer öffentlicher Reklame dem erstaunten Kind gezeigt hatte, kamen kleinere Spielarten in Gestalt von gedruckten Zetteln zum Vorschein – einige davon waren Parodien beliebter Schlager (…), während andere, um jedem Geschmack zu genügen, für leichtere und witzigere Gemüter zusammengereimt waren, wie die Parodie auf „Wenn ich einen Esel hätte“, die mit den Zeilen begann:

„Hätt ich einen Esel schlau,

Lief ich flugs zu Jarleys Schau.

Nimmer weiter würd er gehen,

Ohne Jarleys Schau zu sehen …“

Dazu kamen einige Stücke in Prosa: ein Dialog zwischen dem Kaiser von China und einer Auster, ein anderer zwischen dem Erzbischof von Canterbury und einem Ungläubigen über die Kirchensteuer und andere mehr, alle mit demselben Rat: dass jeder sich eiligst zu Jarleys Wachsfigurenschau zu begeben habe und dass Dienstboten und Kinder nur die Hälfte zu zahlen hätten. Nachdem Mrs. Jarley all diese Beweise ihrer wichtigen gesellschaftlichen Position herangezogen hatte, um ihre junge Gefährtin zu beeindrucken, rollte sie sie wieder auf, verstaute sie sorgsam, setzte sich wieder und blickte das Kind triumphierend an.

„Daß du dich nie mehr in die Gesellschaft eines schmutzigen Punchs begibst, nachdem du dies gesehen hast!“ sagte sie.

„Ich habe noch niemals Wachsfiguren gesehen, Madam“, sagte Nell. „Sind sie noch lustiger als der Punch?“

„Lustiger?“ wiederholte Mrs. Jarey mit schriller Stimme. „Lustig sind sie überhaupt nicht.“

„Oh!“ sagte Nell mit aller denkbaren Ehrfurcht.

„Lustig sind sie überhaupt nicht“, wiederholte Mrs. Jarley. „Sie sind ruhig und – wie heißt das Wort doch – kritisch? - nein – klassisch, das sind sie: ruhig und klassisch. Es gibt keine Rüpel- und Prügelszenen, keine Späße und kein Gequieke wie bei deinem lieben Pusch; die Schau ist immer dieselbe, stets und ständig etwas Kühles, Vornehmes – und die Figuren sind so lebenswahr, dass du kaum einen Unterschied erkennen würdest, wenn sie sprächen und herumliefen. Ich will nicht so weit gehen, zu behaupten, dass ich Wachsfiguren gesehen habe, die vollkommener als das Leben sind, aber ich habe sicherlich manches im Leben gesehen, das genauso war wie eine Wachsfigur!“ (…)

„Wenn ihr wirklich geneigt seit, Euch ebenfalls zu beschäftigen, so gäbe es reichlich für Euch zu tun. Ihr könntet helfen die Figuren abzustauben, könntet kassieren und so weiter. Die Arbeit Eurer Enkelin bestünde darin, dass sie sie dem Publikum vorführt und erklärt. (…) Das ist kein alltägliches Angebot, bedenkt das wohl“, sagte die Dame und verfiel allmählich in den Ton, mit dem sie ihre Besucher anzureden pflegte. „Es handelt sich um Jarleys Wachsfigurenschau, vergesst das nicht! Die Arbeit ist leicht und angenehm, die Gesellschaft erlesen, die Ausstellungen finden in Versammlungsräumen statt, in Gemeindesälen, Stadthallen, großen Gasthaussälen oder Auktionsgalerien. Bedenkt, bei Jarley gibt es kein Herumstromern im Freien, keine Zeltleinwand, keine Sägespäne – vergesst das nicht! Jede Erwartung, die wir durch unsere Zettel wecken, wird bis zum äußersten erfüllt, und das Ganze ergibt eine Wirkung von imponierender Pracht, wie sie in unserm Königreich nicht ihresgleichen hat. Und denkt daran, dass der Eintrittspreis nur sechs Pence beträgt und dass dies eine Gelegenheit ist, die Euch vielleicht nie wieder geboten wird!“

Als sie diesen Punkt erreicht hatte, stieg sie von der Höhe ihres Pathos herab und wendete sich den Einzelheiten des gewöhnlichen Lebens zu; im Hinblick auf das Salär bemerkte sie, sie könne sich zu keiner festen Summe verpflichten, ehe sie Nells Fähigkeiten genugsam erprobt und sie bei der Erfüllung ihrer Aufgaben genau beobachtet habe. Aber sie verpflichte sich bereits, ihnen Wohnung und Verpflegung für Nell und ihren Großvater zu liefern, und darüber hinaus verpfände sie ihr Wort, dass die Verpflegung in Qualität und Quantität reichlich bemessen sein würde.“ (…)

Inzwischen polterte der Wagen weiter, als hätte auch er starkes Bier getrunken und wäre nun schläfrig, und endlich kam er auf die gepflasterten Straßen einer Stadt, die frei von Fußgängern und sehr ruhig waren, da es bereits auf Mitternacht ging und die Stadtbewohner sich längst zur Ruhe gelegt hatten. Es war zu spät, um sich in den Ausstellungsraum zu begeben, und so fuhren sie ein Stück abseits auf ein leeres Grundstück, das gerade noch innerhalb der Stadtmauern lag, und richteten sich dort für die Nacht ein, neben einem anderen Wagen, der zwar auf dem Aushängeschild den großen Namen Jarley trug und die Wachsfiguren, die des Landes Stolz waren, von Stadt zu Stadt brachte, aber dessen ungeachtet von einem niedrigdenkenden Stempelamt einfach als „gewöhnlicher Lastwagen“ bezeichnet und sogar nummeriert worden war – Nummer 7565 -, als wäre seine kostbare Fracht weiter nichts als Kohlen oder Mehl! (…)

Der Wagen rumpelte mit höchst unerwünschtem Lärm vorwärts und hielt endlich auf dem Platz, wo die Ausstellung stattfinden sollte; Nelly stieg inmitten einer Gruppe Kinder aus – offenbar hielten sie sie für einen wichtigen Bestandteil der Sehenswürdigkeiten und glaubten fest, dass der Großvater eine täuschend echte Wachsfigur sei. (…)

Alle gingen an die Arbeit, ohne Zeit zu verlieren, und waren sehr rührig. Da die wunderbare Sammlung noch mit Tüchern verhüllt war, damit der neidische Staub nicht den Teint der Gesichter verderbe, bemühte sich Nell, bei der Schmückung des Raumes zu helfen, (…).

Nachdem alle Dekorationen so geschmackvoll wie möglich angebracht waren, wurde die erstaunliche Sammlung enthüllt und auf einer erhöhten Plattform aufgestellt, die etwa zwei Fuß vom Boden rings um den Raum lief; ein rotes Seil in Brusthöhe trennte sie von der derben Masse. Da standen nun allerlei lebensechte Nachbildungen berühmter Leute, einzeln und in Gruppen, in den glitzernden Kleidern verschiedener Zonen und Zeiten; mehr oder weniger unsicher auf ihren Beinen, die Augen weit offen, die Nasenflügel gebläht, mit stark ausgeprägten Arm- und Beinmuskeln, und all diese Gesichter drückten großes Erstaunen aus. Die Herren hatten hochgewölbte Taubenbrüste und waren ganz bläulich um die Bärte; die Damen hatten prächtige Gestalten, und sowohl die Herren wie die Damen blickten eindringlich ins Nichts und starrten mit ungewöhnlichem Ernst nirgendshin.

Als Nells erstes Entzücken über diese prachtvolle Schau gelegt hatte, befahl Mrs. Jarley, dass alle außer ihr selbst den Raum zu verlassen hätten; dann setzte sie sich in die Mitte in einen Armsessel, belehnte Nell in aller Form mit einem Weidenstab, den sie selbst lange gebraucht hatte, wenn sie die Figuren erklärte, und belehrte sie sehr sorgfältig über ihre zukünftigen Pflichten.

„Dies“, sagte Mrs. Jarley mit ihrer Vorführstimme, als Nell eine Gestalt am Rande der Plattform mit ihrem Stab berührte, „ist eine unglückliche Hofdame zur Zeit der Königin Elisabeth, die an einem Nadelstich in den Finger starb, weil sie an einem Sonntag gearbeitet hatte. Man beachte das Blut, das aus ihrem Finger tröpfelt, sowie die Nadel mit dem goldenen Öhr jener Periode, mit der sie arbeitet.“

Dies alles wiederholte Nell mehrmals und wies rechtzeitig auf den Finger und das Nadelöhr, dann gingen sie zur nächsten Figur über.

„Dies, meine Damen und Herren“, sagte Mrs. Jarley, „ist Jasper Packlemerton unseligen Angedenkens, der vierzehn Frauen umwarb und ehelichte und alle vernichtete, indem er ihre Fußsohlen kitzelte, wenn sie im Bewusstsein ihrer Unschuld und Tugend schlummerten. Als man ihn aufs Schafott brachte und befragte, ob er seine Taten bereue, sagte er ja, er bereue, ihnen den Tod so leicht gemacht zu haben, und er hoffe, dass alle christlichen Ehemänner ihm dieses Unrecht vergäben. Seht dies als Warnung an für alle jungen Damen, dass sie es mit dem Charakter ihres Erwählten recht genau nehmen. Man beachte seine Finger, die bei der Tätigkeit des Kitzelns gekrümmt sind, und das verschmitzte Gesicht – so sah er aus, wenn er seine barbarischen Morde vollbrachte.“

Als Nell genau über Mr. Packlemerton Bescheid wusste und alles, ohne zu stocken, aufsagen konnte, ging Mrs. Jarley zu dem dicken, dem dünnen, dem langen und dem kleinen Mann über, sodann zu der alten Dame, die daran gestorben war, dass sie mit hundertzweiunddreißig Jahren noch tanzte, zu dem wilden Knaben aus dem Wald, der Frau, die vierzehn Familien mit ihren eingelegten Walnüssen vergiftete, und zu weiteren ebenso historischen wie interessanten Persönlichkeiten. Und Nell zog so viel Nutzen aus der Belehrung und lernte so schnell, dass sie, nachdem sie ein paar Stunden zusammen eingeschlossen gewesen waren, die Geschichte der ganzen Gesellschaft auswendig konnte und durchaus in der Lage war, die Besucher aufzuklären.

Mrs. Jarley zögerte nicht, ihre Bewunderung für dieses glückliche Ergebnis auszusprechen, und führte ihre junge Freundin und Schülerin herum, um die weiteren Innenarrangements zu betrachten, durch welche die Passage bereits in einen Hain aus grünem Tuch verwandelt war, in dem die Rollen mit den Inschriften hingen, die Nell bereits gesehen hatte (Erzeugnisse von Mr. Slum), und wo ein höchst dekorativer Tisch am oberen Ende aufgestellt war, an dem Mrs. Jarley präsidierte und das Geld einkassierte; in ihrer Gesellschaft befanden sich Seine Majestät Georg III., Mr. Grimaldi als Clown, Maria, Königin von Schottland, ein anonymer Herr in Quäkerkleidung und Mr. Pitt, der in seiner Hand eine genaue Nachbildung des Gesetzes zur Einführung der Fenstersteuer hielt. Auch die Vorbereitungen im Freien vor der Tür waren nicht vernachlässigt worden: eine höchst attraktive Nonne zählte auf dem kleinen Portiko die Perlen ihres Rosenkranzes; ein Brigant mit unglaublich schwarzem Haar und erstaunlich weißer Haut wurde zur gleichen Zeit auf einem zweirädrigen Wagen durch die Stadt gefahren; er betrachtete sinnend die Miniatur einer Dame, die er in der Hand hielt.

Nun waren nur noch die Dichtungen Mr. Slums gerecht zu verteilen; diese dichterischen Ergüsse sollten ihren Weg in alle Privathäuser und alle Läden finden; die Parodie auf den „Esel“ war auf die Schenken zu beschränken und durfte nur nicht bei den Schreibern der Advokaten und den erlesenen Geistern der Stadt zirkulieren. Als auch dies erledigt war und Mrs. Jarley die Schulen persönlich aufgesucht hatte – sie hatte speziell für diese gedruckte Zettel, in denen haarscharf bewiesen wurde, dass die Wachsfigurenschau den Geist verfeinere und die Sphäre menschlichen Verständnisses erweitere -, setzte sich die unermüdliche Dame zum Mittagsmahl nieder und trank aus der verdächtigen Flasche auf ein blühendes Geschäft. (…)

Oft war die Zuhörerschaft recht erlesener Art, und es gehörte eine ganze Anzahl von Mädchenpensionaten dazu, deren Gunst Mrs. Jarley sehr beflissen zu sichern suchte, indem sie das Gesicht und die Tracht von Mr. Grimaldi als Clown so abänderte, dass er Mr. Lindley Murray darstellte, und zwar so, wie er aussah, als er damit beschäftigt war, seine englische Grammatik zu verfassen, und indem sie ferner die berühmte Mörderin in Mrs. Hannah More umwandelte; die Ähnlichkeit der beiden Figuren wurde von Miss Monflathers bestätigt, welche Leiterin des größten Pensionats der Stadt war und sich herbeigelassen hatte, mit acht ausgewählten jungen Damen eine private Vorführung zu besuchen; sie fand die sprechende Ähnlichkeit geradezu aufregend in ihrer Genauigkeit. Maria, die Königin der Schotten, gab mit dunkler Perücke, weißem Hemdkragen und Männerkleidung ein so vollkommenes Bild von Lord Byron ab, dass die jungen Damen geradezu aufschrien, als sie es sahen. Miss Monflathers jedoch dämpfte diesen Enthusiasmus und nahm es zum Anlass, Mrs. Jarley dafür zu rügen, dass sie ihre Sammlung nicht exklusiver hielt, denn Seine Lordschaft vertrat gewisse Meinungen, die mit dem Ehrenkodex einer Wachsfigurenschau schlechterweg unvereinbar waren; sie fügte noch etwas über die hohe Geistlichkeit hinzu, was Mrs. Jarley nicht verstand. (…)

Nell erschrak sehr, als Mrs. Jarley eines Abends beim Heimkommen mitteilte, sie müssten eine Ankündigung vorbereiten, dass die prächtige Schausammlung nunmehr nur noch einen Tag an ihrem derzeitigen Platz verbleibe; dieser schrecklichen Drohung gemäß (denn alle Ankündigungen, die sich mit öffentlichen Vergnügungen befassen, sind, wie wohlbekannt, unwiderruflich einzuhalten) würde die wunderbare Ausstellung am nächsten Tage schließen.

„Verlassen wir dann sofort diese Stadt“ fragte Nell.

„Sieh her, mein Kind“, antwortete Mrs. Jarley, „ich werde dich genau darüber unterrichten.“ Bei diesen Worten zog Mrs. Jarley ein anderes Plakat hervor, auf dem geschrieben stand, dass infolge zahlreicher Nachfragen an der Wachsfigurenkasse und infolge der Enttäuschung des Publikums, das sich vergeblich vor der Tür gedrängt hatte, die Ausstellung um eine Woche verlängert und am nächsten Tage wieder geöffnet sein würde.

„Denn jetzt, da die Schulen nicht hier sind und die regelmäßigen Kunden erschöpft sind, kommen wir zur breiten Masse – und die muss ermuntert werden“, sagte Mrs. Jarley.

Am Mittag des folgenden Tages setzte sich Mrs. Jaley persönlich hinter den prächtig geschmückten Tisch, von den vorerwähnten Bildwerken unterstützt, und ließ die Türen weit öffnen, um das sachkundige und begeisterte Publikum einzulassen. Jedoch die Operationen dieses ersten Tages waren keineswegs erfolgreich, insofern als die „breite Masse“, obwohl sie großes Interesse an Mrs. Jarleys Person zeigte, durchaus nicht geneigt war, sechs Pence Eintrittsgeld pro Kopf zu bezahlen. Und so kam es, dass die Kassenverwaltung nicht reicher wurde und die Aussichten des Unternehmens nicht eben ermutigend waren, obwohl viele Leute den Eingang und die dort aufgestellten Figuren anstarrten, obwohl sie beharrlich dablieben, oft stundenlang, um der Drehorgel zuzuhören und die Plakate zu lesen, und wohlwollend genug waren, ihren Freunden zu empfehlen, sie sollten die Ausstellung gleichermaßen fördern – so dass schließlich der Eingang regelrecht blockiert war durch die halbe Bevölkerung der Stadt, die, wenn sie wieder an ihre Pflichten gehen musste, durch die andere Hälfte abgelöst wurde.

Bei diesem Tiefstand des Bildungsmarktes machte Mrs. Jarley außerordentliche Anstrengungen, um den öffentlichen Geschmack zu reizen und die Neugier der Massen zu steigern. Eine gewisse Maschinerie im Inneren der Nonne, die über der Tür postiert war, wurde geputzt und wieder in Gang gesetzt, so dass die Arme den ganzen Tag mit dem Kopf wackelte – zur größten Bewunderung eines betrunkenen aber sehr protestantischen Barbiers von gegenüber, der besagte paralytische Bewegung betrachtete, sie als typisch für die erniedrigende Wirkung der römischen Kirche auf den menschlichen Geist bezeichnete und sich über dieses Thema mit viel Beredsamkeit und Moral ausführlich erging. Die beiden Fuhrleute gingen ständig im Ausstellungsraum ein und aus, jedes Mal in verschiedener Verkleidung, sprachen sich laut darüber aus, dass diese Schau das Eintrittsgeld eher wert sei als alles, was sie je im Leben gesehen hätten, und beschworen die Umstehenden mit Tränen in den Augen, ein solches Gnadengeschenk nicht zu verschmähen. Mrs. Jarlay saß an der Kasse und klimperte von mittags bis abends mit Silbermünzen und ermahnte die Menge feierlich zu bedenken, dass der Eintritt nur sechs Pence koste und die Abreise der ganzen Schau zu einer kurzen Tournee zu allen gekrönten Häusern Europas tatsächlich für nächste Woche festgesetzt sei.

„Kommt, solange es Zeit ist’ sagte Mrs. Jarlay jedes Mal am Ende ihrer Rede. „Bedenkt, dass dies hier Jarlays herrliche Wachsfigurenschau mit über hundert Figuren ist, die einzige derartige Sammlung der Welt! Alle anderen sind Betrüger und Angeber! Also kommt, solange es Zeit ist, kommt, solange es Zeit ist!“

Charles Dickens: Der Raritätenladen (1841), dt. von Maria von Schweinitz. München 1962, S. 295-367

.